JAYI KIM

Skill of R&R 2 ( Rest & Relaxation)

Opening reception: 08.11.2018 | 6 - 10 pm


Exhibition: 09.11.-28.11.2018
Opening hours after appointment and
Wednesday 14.11. 4-7 pm
Tuesday 27.11. 2-5 pm

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DE: In der westlichen Kulturgeschichte scheint Fortschrittsstreben von einer vermeintlich gegenläufigen Natur- oder Ursprungssehnsucht begleitet zu sein. Technologische Innovation - das Versprechen der Überwindung unserer Natur – kontrastiert mit Formen des Archaischen, des „Primitiven“ – kollektiv herbeigesehnt, stilisiert und idealisiert. Ob dazu nun die Natur selbst bemüht wird, etwa in ihrer romantischen Überhöhung und als Spiegelbild des inneren Seelenlebens, oder eine vermeintlich simple, vielleicht meditative Tätigkeit: beides verspricht uns dabei zu helfen, aus der Verfremdung zu uns zurück zu finden. „Walden; or, Life in the Woods“ (1854) von Henry David Thoreau zeugt beispielhaft von dieser Sehnsucht: Von dem Bedürfnis, aus der Fortschrittsmaschinerie der Industrialisierung herauszutreten und der Suche, nach einem alternativen Lebensstil im Einklang mit der (eigenen) Natur.

Damals progressiv, ist Waldens Idee heute popularisiert: als Inspiration für Naturschutzbewegungen, die 68er Generation, im „Club der Toten Dichter“ (Die Treffen werden mit einem Walden Zitat eröffnet), als schützende Stiftung oder unterhaltendes Computerspiel: – Walden ist in der Konsumgesellschaft angekommen.

Gleichermaßen ist Erholung heute zum Wirtschaftsfaktor geworden. Der Gesundheitstourismus boomt mit kollektiven Gelegenheiten sich selbst zu finden. Daneben zeigt sich auch in Medien wie Instagram Erholung zunehmend stigmatisiert. Hier erfahren wir in Echtzeit, wie Erholung aussieht… was zur Entspannung gehört… und wie oft! Doch liegt nicht gerade hier ein normierender, bereits globaler Qualitätsgedanke zugrunde, dem wir uns – getrimmt auf Leistungserfüllung – bereitwillig fügen? Ist dabei in dem intimen Rahmen, in dem sich „Ruhe und Entspannung“ einstellen kann, im privaten Umfeld, ein Entrinnen aus dem öffentlichen Optimierungsimperativ möglich? Oder regiert hier auch der Superlativ? Darf Entspannung für sich stehen, Selbstzweck sein, oder bedarf sie ihres regulierenden Gegenübers?

Die Künstlerin Jayi Kim stammt aus Gwangju, Südkorea. Einerseits ein Land der Tigerstaaten, das mit Fleiß und Strategie den wirtschaftlichen Anschluss an die westlichen Industrieländer geschafft hat. Andererseits ein Land, in dem vor dem Ziel des wirtschaftlichen Aufschwungs der Wert von Freizeit und Erholung verloren ging. Mit max. 68 Wochenarbeitsstunden (40 Arbeitsstunden, 16 Stunden am Wochenende und 12 Überstunden) kam Korea noch bis vor Kurzem auf eine jährliche Arbeitszeit von 2256 h/Jahr. Wir Deutsche arbeiten im Durchschnitt 30% weniger. Urlaubstage gelten in Korea als Zeitverschwendung.

Auch vor dem Hintergrund dieser kulturellen Prägung beschäftigt sich Jayi Kim auf sehr persönliche Weise gezielt mit Erholungsstrategien, die sie selbst ­wie auch ihr Land verlernt hatten. So standen am Beginn ihrer langjährigen Recherche die grundlegende Erfassung und die Analyse möglicher Entspannungs-Strategien, die ihr heute als kreatives Vokabular dienen und in ihre künstlerische Arbeit mit einfließen.

Jayi Kim unterteilt Erholung in einerseits aktive, andererseits statische Ausprägungsformen. Während beim aktiven Ruhen einer Tätigkeit nachgegangen wird, die indirekt dazu führt, den eigenen Energiehaushalt wieder aufzufüllen – wie etwa Sport, Reisen oder Handarbeiten – wird bei der statischen Erholung auch körperlich geruht: Die Künstlerin zählt dazu Schlafen oder Meditieren. Zugleich versteht Kim Erholungsstrategien als sehr persönliche Artikulationen die sie, wie auch Sprache und daher in Anlehnung an Jacques Lacans Beschäftigung mit dem Unterbewussten, als individuellen Ausdruck thematisiert.

Mit Skill of R&R 2 (Rest & Relaxation) macht sich Jayi Kim den Raum als Rechercheplattform zu eigen und öffnet ihn als Begegnungsort. Dabei verwandelt sie den super+CENTERCOURT vielmehr in einen Rückzugsort als nur in einen Raum des öffentlichen Zeigens. Aus der Maxvorstädter Straßenszene heraus treten die Besucher_Innen in eine Wald-Szenerie ein und blicken von hier aus voyeuristisch zurück auf die Passanten. Physisch entziehen sie sich dabei unweigerlich dem öffentlichen Raum. Sie treten heraus, schaffen Distanz zu Gewohntem, halten inne. – Walden?

 Nicht ganz, denn folgen die Besucher_Innen Jayi Kims Einladung in ihren persönlichen Entspannungskosmos, werden sie unweigerlich zu Konsumenten der Atmosphäre und des Raumes. Umgeben von den Ergebnissen Kims aktiver Ruhe können sich die Besucher_Innen im Ausstellungsraum dem „Nichts-Tun“ hingeben, bzw. das „Nichts-Tun“ sogar auf Anfrage bei ihr buchen. So changiert in der Ausstellung Jay Kims Geste der Gastfreundschaft zwischen intimer Preisgabe bzw. Handel und spielt mit dieser Ambivalenz: denn wenngleich die gehäkelten, grünen „Baumstämme“ scheinbar aus dem Selbstzweck der Entspannung heraus entstanden sind geht für die Künstlerin mit ihrer Teilnahme am Kunstbetrieb auch die Präsentation ihrer Arbeiten einher.

Wie engmaschig damit Wertetransfer, Kulturtransfer und schließlich Kommunikation als Grundlage jeden Austausches ineinander verwoben sind, wird durch Jayi Kims bewusste Grenzüberschreitung zum Publikum deutlich: Alle Besucher_Innen der Ausstellung, die an Jayi Kims Umfrage über die eigenen Entspannungsstrategien teilnehmen, erhalten als Gegenleistung ein kleines Gefäß: angefüllt mit Blumensamen und versehen mit der e-mail Adresse der Künstlerin. Symbolisch tauscht Jayi Kim damit einige kleine Teilchen ihrer Ruhe gegen Informationen über fremde Ruhe ein. Zugleich bittet die Künstlerin um die Zusendung eines Fotos der aufgegangenen, blühenden Saat und fordert damit das Ergebnis der Ruhezeit der Teilnehmer_Innen zurück. Beides, die Daten und die Informationen, sollen schließlich in eine weitere Ausstellung einfließen und finden ihren Weg damit (zurück) nach Korea.

Jayi Kims Ausstellung Skill of R&R 2 (Rest & Relaxation) bietet somit ein vielschichtiges Angebot zu ruhen und zu reflektieren, ohne dabei naiv die global wirkenden Prozesse an den Schnittstellen von Öffentlichkeit und Privatem sowie Wirtschaft und Spiritualität auszublenden. Im Zuge ihrer Recherche über Konzepte der Ruhe und ihrem Umgang mit der dazugehören visuellen Sprache wurde ihre künstlerische Arbeit dabei selbst zum Ritual von R&R. (Viktoria Wilhelmine Tiedeke)

Die Ausstellung ist kuratiert von Sophie-Charlotte Bombeck und Viktoria Wilhelmine Tiedeke

Jayi Kim ist während ihres Aufenthaltes in der Künstlerresidenz „Ebenböckhaus“ untergebracht


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EN: In Western cultural history, the quest for progress seems to be accompanied by a contradictory desire for nature or longing for the original. Technological innovation – the promise of overcoming our nature – contrasts with forms of the archaic, the "primitive" – collectively longed for, stylized and idealized. Whether nature itself is claimed for example in its romantic exaggeration and as a reflection of the inner soul or a supposedly simple, perhaps meditative activity: both seems to hold the promise to guide us back from our alienation. "Walden; or Life in the Woods" (1854) by Henry David Thoreau exemplifies this longing: the need to emerge from the machinery of progress in industrialization and the search for an alternative lifestyle in harmony with (our) nature.

Once quite progressive, today Walden's idea seems to be rather popularized: as an inspiration for the natural conservancy movement, the '68 generation, the film "Dead Poets Society" (The societies’ meetings are opened by a Walden quote), as a foundation or entertaining computer game "Walden“ has arrived in today’s consumer society.

Nowadays “rest and relaxation” has become an economic factor. The Wellness and Health tourism is booming with collective opportunities of finding oneself. Furthermore r&r appears to be increasingly stigmatized in media such as Instagram. Here we can learn in real time, what r&r looks like ... how it works ... and how often we should get some! However it seems like that a normative and already globalized concept of quality spreads out, to which we seem to adapt willingly as we are trained to perform as expected. Is it possible to escape from this public imperative of optimization by withdrawing to a more intimate, private environment? Into which r&r actually belongs? Or does the superlative rule here as well? May relaxation end in itself, or does it need the regulation of its counterpart?

The artist Jayi Kim is from Gwangju, South Korea. On the one hand a country of the tiger states, which with diligence and strategy has made the economic connection to the western industrialized countries. On the other hand it is a country in which the value of r&r was lost before the goal of economic progress. With 68 working hours per week max (40 regular working hours, 16 hours at the weekend and 12 overtime hours), Korea showed until recently an average of working hours around 2256 h / year. Germans usually work 1/3 less. In Korea holidays are perceived as a waste of time.

Even against the background of her cultural imprint, Jayi Kim deliberately deals with the topic of r&r strategies in a very personal way, which she herself – as well as her country – had forgotten. At the beginning of her long-term research was the fundamental recording and analysis of possible r&r strategies, which today serve as her creative vocabulary and are incorporated in her artistic work.

Jayi Kim defines two groups of r&r. One is active and the other a static forms of rest. While the active rest means actively pursuing an activity that indirectly leads to refilling one's energy balance, such as sports, traveling or handicrafts, the static rest requires an actual rest of the physical body itself, such as sleeping or meditation. At the same time Kim considers the fact that anybody relaxes best differently and that r&r is a highly personal matter. Thus, similar to Jacques Lacan's preoccupation with the subconscious articulation in language, she is researching the subconscious fractions in the individual articulations of r&r.

With the exhibition Skill of R & R 2 (Rest & Relaxation), Jayi Kim both embraces a space of research and opens it up to personal encounters as well. Instead of merely displaying her artwork to the public, she transforms super+CENTERCOURT into a private place of retreat. From the streets of Maxvorstadt, the visitor steps into a shimmering forest scene. From here the visitor is able to look at the passersby voyeuristically. By entering visitors escape public space physically, they step back, stand off the usual, pause… – ”Walding”?

Not quite: By following Jayi Kim's invitation into her personal relaxation cosmos, the visitors inevitably become consumers of the atmosphere and the space. Surrounded by the results of Kim's active rest the visitors in the showroom can indulge in "doing nothing" or even book "doing nothing" on request. Thus Jay Kim's gesture of hospitality must be described as at least ambivalent: on the one hand she is granting this intimate unveiling of her r&r strategies by showing off the crocheted, green tree stems that have seemingly originated from the self-purpose of r&r; on the other hand the artist necessarily engages into trading by demanding attention from the spectator or even recognition from the art word by presenting her work.

By consciously cluttering roles of the supposedly passive, consuming spectator and the active, offering artist, Jayi Kim reveals just how tight the processes of value transfer, cultural transfer and communication (as the basis for any exchange) are interwoven: all visitors to the exhibition who take part in Jayi Kim's survey on their own r&r strategies receive a small bin in return: filled with flower seeds and provided with the artist's e-mail address. Symbolically, Jayi Kim exchanges some tiny resource-pieces of her r&r for information about somebody else’s r&r. But this initial trading action is only the beginning: as the artist asks for a picture of the blossoming seed that has risen, she is claiming the result of the participants’ r&r. Both, the data from the survey and the information, will eventually flow into another exhibition and in doing so will find their way (back) to Korea.

Jayi Kim's exhibition Skill of R & R 2 (Rest & Relaxation) offers a manifold situation to rest and reflect: on the only suggested antagonism of economy and spirituality, on global processes of trading and the interfaces between the public and private realm. Finally, in the course of her research on concepts of r&r and her handling of its visual language, Jayi Kims artistic work might have become a ritual of r&r itself. (Viktoria Wilhelmine Tiedeke)

The exhibition is curated by Sophie-Charlotte Bombeck and Viktoria Wilhelmine Tiedeke

Jayi Kim is currently hosted by the artist in residence program of “Ebenböckhaus”

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